Josephine Muschdersub
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G.P.
SM und Behinderung

SM und Behinderung - ein nichtgeschriebener Artikel

Manchmal bin ich einfach vorschnell. Als ich gebeten wurde, einen Artikel "SM und Behinderung" für die Rubrik "BDSM & Gesundheit" zu schreiben, habe ich dummes Weib sofort "Ja" gesagt. Und jetzt sitze ich da, kaue auf meinen Haarspitzen herum und fülle meinen virtuellen Papierkorb mit vergeblichen Schreibversuchen. Gut, ich bin sowohl eine staatlich anerkannte Schwerbehinderte - so richtig mit Brief und Siegel - als auch eine schreibende Smerin. Und ich habe den leisen Verdacht, dass ich viel zu oft und geradezu nervend-monothematisch über meine gelebte Lust und mein Handicap - ein Ausdruck, der mir sehr viel lieber ist als dieses Wort "Behinderung" - rede. Man könnte also meinen, die richtigen Worte müssten nur so aus meinen Fingern in die Tastatur purzeln. Pustekuchen !!!

Natürlich könnte ich jetzt eine Abhandlung darüber schreiben, dass ein chronisches Handicap keineswegs ein Grund ist, eine Neigung nicht zu leben. Eine Sub, der ein mißglücktes Skimanöver ein Gipsbein eingebracht hat, wird dadurch in ihrer Rolle auch nicht in Frage gestellt. Vielmehr wird ein halbwegs vernünftiger Dom einfach seine Forderungen den Gegebenheiten anpassen und unmögliche Dienstleistungen nicht einfordern, aber zeitgleich neue Spielvarianten entdecken, die erst durch das Gipsbein möglich werden. Also, warum in Teufelsnamen sollte das bei einem dauerhaft gehandicapten Menschen anders sein? Nur finde ich ein Artikel mit Ideen, wie man Handicaps lustvoll ins Spiel einbauen kann, gehört in die Rubrik "Praxistipps".

Aus dem Stegreif und ganz wunderbar kann ich darüber dozieren, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt und dass auch ein imperfekter Körper seine Liebhaber finden kann. Oder um es simpel auszudrücken, was für einen Genießer weiblicher Üppigkeit weich und wunderbar fraulich ist, ist für einen Asketen schlicht unerträglich fett. Wo ein Liebhaber in höchste Lobpreisungen verfällt und die Zartheit des Körperbaues preist, spricht ein anderer Mann nur von einem Hungerhaken. Und während sich für mich in den Augen eines unbeteiligten Betrachters nur Mitgefühl für meinen zitternden Körper spiegelt, sehe ich in den Augen meines Doms sein sehnsüchtiges Begehren, denn für ihn verwandeln sich meine zitternden Hände in einen Schwarm von Schmetterlingen, deren Flügelschläge seine Haut auf unbeschreibliche einmalige Weise liebkosen. Sicher ein tolles Thema - wenn da nur nicht die Rubrik "BDSM & Gesundheit" wäre.

Und so geht es mir heute Nacht laufend. Kaum denke ich, dass ich ein wunderbares Thema für einen Artikel in dieser verflixten Rubrik "BDSM & Gesundheit" gefunden habe, muss ich mir selber eingestehen, dass es für die jeweilige Idee bei der Rubrikenüberschrift nur einen Kommentar gibt - "Thema verfehlt". Meine krankheitsbedingten Probleme mit der Nasenatmung sowie mein reduziertes Lungenvolumen haben zum Beispiel dazugeführt, dass ich Knebel zum Tabu erklärt habe. Nur dieses Tabu haben auch gesunde Smer. Und es ist im Grunde genommen völlig unerheblich, warum ein Tabu existiert, es muss immer besprochen und beachtet werden. Oder passendes Spielzeug und Outfit - was hat das mit Gesundheit zu tun? Partnersuche, Coming-Out als "Schwerbehinderter" - alles Themen über die ich schreiben könnte, wenn da nur dieses verdammte Rubrikenproblem nicht wäre. Selbst Themen, über die zu schreiben mir mangels eigener Erfahrung schwerfallen würde - wie zum Beispiel der Konflikt zwischen Ausleben der eigenen Sexualität und der Notwendigkeit einer Assistenz - gehören nach meiner Ansicht nicht in diese Rubrik.

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation bedeutet Gesundheit, dass man sich körperlich, geistig und sozial wohlbefindet. Welcher Smer würde bestreiten, dass Schmerzen durchaus lustvoll erlebt werden können. Andererseits man muss schon ein verdammt großer Schmerzfetischist sein, um sich bei einem auf Eiter sitzenden Backenzahn nicht äußerst unwohl und krank zu fühlen. Offenbar kann ein Behinderter durchaus gesund sein, während der Nicht-Behinderte gesundheitlich ziemlich lädiert ist - und umgekehrt. Wenn aber nicht die Behinderung, sondern das individuelle und äußerst subjektive Empfinden der entscheidende Maßstab für die Bewertung des Gesundheitszustandes ist, dann kann ich auch keinen Artikel schreiben, der Behinderung und Gesundheit in eine allgemeingültige Relation setzt. Ersatzweise könnte ich etwas zum Thema "Lachen ist gesund" - Untertitel "Über SM, Behinderung und weitere ernsthafte Themen" in die Tastatur hauen - aber das ist ein Lifestylethema und gehört auch nicht in diese verdammte Rubrik "BDSM & Gesundheit". Also, mit meinem versprochenen Artikel wird es leider wirklich nichts.

(c)Tevoda


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