Josephine Muschdersub
Neues aus Hasenruh
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G.P.
Notgeilentage

NOTGEILENTAGE – und warum sie für mich ihren Namen verloren haben

Kennen Sie auch diese Tage, die mit einem einzigen Wort beschrieben sind? Tage, die egal was man macht, nur von einem einzigen Gefühl, einer einzigen Wahrnehmung geprägt werden. Tage, an denen man morgens noch in die letzten Nachtträume hinein spürt, dass dies ein besonderer Tag ist und je nachdem, ob es ein Pralinentag oder ein Essigtag ist, möchte man die Decke übermütig wegkicken oder nochmals über den Kopf ziehen.

An solchen Tagen sollte man erst gar nicht versuchen, sich dem Tag zu widersetzen, außer man ist so masochistisch veranlagt, das eigene Scheitern zu genießen. Oder haben Sie es schon einmal an einem "Rosa-Rote-Brillen-Tag" geschafft die Welt kritisch-hinterfragend zu betrachten? "Schulschwänztage" sind zum Beispiel von mir heiß und innig geliebte, aber selten genossene Pralinentage. Tage an denen meine Pflichten zwar laut schreien, aber von mir mit einem mäßig schlechten Gewissen überhört werden. Nie schmeckt mir ein Cafe Latte besser als an so einem Tag im Straßencafe mit der Sonne auf meinem Gesicht. Ich liebe diese Pralinentage. Sie sind Auszeiten für meine Seele, Krafttankstelle für meinen Alltag und Tage an denen ich mich häufig auf den Weg mache, neugierig und unvoreingenommen andere Leben zu entdecken.

Ganz anders ist es mit den "Essigtagen". Einer der schlimmsten Essigtage ist für mich der "Liebeskummertag". Nie scheinen so viele frisch Verliebte händchenhaltend und dämlich-grinsend an mir im Park vorbei zu stolzieren wie an einem Tag, an dem mich der eigene Liebeskummer fest in seinen Klauen hat. Essigtage sind autistische Tage, und an so einem Tag bin ich weder mit mir noch mit anderen großzügig. An einem Essigtag gibt es nur eine richtige Meinung - und zwar die meine! Basta Pasta !!

"Notgeilentage" sind für mich Tage, in denen ich nicht einmal mit einem Auge in einen Hausfrauen-Kochrezepte-Chat geschweige denn in BDSM-Chat linsen kann, ohne dass ich auf einen Typen treffe, der eine Partnerin - nein nicht fürs Leben, sondern für sein Sexualleben sucht. Kaum hast du dich an solchen Tagen in die Chat-Lobby eingeloggt und die ersten Worte getippselt, erscheint ein dir völlig unbekannter Nick auf dem Bildschirm und wenn du noch eine flüchtige Begrüßung erhältst bevor die alles entscheidende Frage vor deinen Augen flimmert, hast du sogar noch Glück gehabt. Je nach Bedürfnislage der meist männlichen Suchenden wirst du dann auf nüchterne Augen mit so Fragen wie „Wer kennt eine Domme in München für mich?“ oder „Bist du Sub?“ konfrontiert. Ich werde nur in meiner möglichen Funktion als Sexobjekt wahrgenommen. Wenn ich mich dann dem Gespräch verweigere oder mit anwesenden Freunden einen unverbindlichen Smalltalk und keinen SMtalk führe, fliegen mir hundertprozentig Sätze wie „Ich dachte dies sei ein SM-Chat“ oder „Hier ist ja nichts los“ vor die Augen und dann kann ich fast die Stoppuhr in Betrieb nehmen, bis dann die unvermeidlichen Sätze von dem im SM-Bereich bestehenden Männerüberschuss und dass es für uns Frauen ja eh der reinste Selbstbedienungsladen sind kommen. Ich sitze dann immer vor meinem PC und könnte schreien vor wütendem Gelächter. Und ich weiß, es hat keinen Sinn den Chat zu wechseln oder später wieder zu kommen, denn schließlich ist es ein „Notgeilentag“ und egal wie und wo, ich werde heute laufend solchen Gesprächspartnern über den Weg laufen, deren Sätze sich nur unwesentlich unterscheiden werden.

Bisher waren "Notgeilentage" für mich ganz ohne jeden Zweifel "Essigtage". Aber jetzt bin ich ins zweifeln gekommen, ob meine Katalogisierung nicht etwas voreilig und vor allen Dingen falsch war. Gut meine Bedürfnisse in einem SM-Chat sind klar. Ich lebe im Alltag offen und geoutet mein SM. Ich suche im Chat weder den schnellen Kick noch suche ich mögliche Spielpartner. In erster Linie suche ich Kontakt zu Menschen die mir sympathisch sind, Menschen von denen ich aufgrund des Ortes an dem wir uns treffen annehmen kann, dass sie meine SM-Neigung teilen. Nachdem ich aber auf der Suche nach netten Bekannten und künftigen möglichen Freunden bin, mit denen ich nicht nur mein Smer-Leben sondern mein ganzes Leben, auch das jenseits des BDSM teilen kann, ist es für mich zunächst interessanter und wichtiger abzuklären wie weit sich unsere Lebenseinstellungen, Träume und Hobbys ergänzen. Ich habe dafür auch ein ziemlich großes Zeitfenster übrig. Da ich selbst keinen Spielpartner suche und auch nicht als Wixvorlage dienen will, tendiert meine Bereitschaft mit einem Wildfremden über meine sexuellen Wünsche und Träume zu reden gegen Null. Schließlich ist es nicht meine Pflicht wildfremde Menschen zu bespaßen.

Aber jedes Ding hat mindestens zwei Seiten und ich befürchte in meinem Überschwang endlich frei und glücklich meine ureigenen Bedürfnisse leben zu können, habe ich mich gegenüber denjenigen, die sich aus welchen – und von mir auf keinen Fall zu wertenden - Gründen auch immer für ein Doppelleben und ein heimliches Smer-Leben entschieden, etwas sehr aufs hohe Ross gesetzt. Im Net kann man schließlich leicht faken. Es wäre also für jeden leicht vorzugeben, er suche eine partnerschaftliche SM-Beziehung, selbst wenn er nur eine kurze reinsexuelle Beziehung sucht. So gesehen ist die mich so nervende direkte und schnelle Anmache eigentlich nur ein sehr faires Signal.

Also werde ich mich wohl an der eigenen Nasespitze packen müssen. In der Lobby eines Chat sollten sich alle wohl und willkommen fühlen - smalltalkende SMer-Cliquen, spielsuchende SMtalker und wer sonst noch gerne reinschauen will. Gut ich denke soweit muss ich nicht gehen, einen "Notgeilentag" von einem "Essigtag" zu einem "Pralinentag" upzugraden, aber wenigstens den Status eines völlig normalen Chattages sollte ich ihm dann doch gewähren. Schließlich sind wir alle Menschen auf der Suche nach einem glücklichen Leben. Damit sind die „Notgeilentage“ für mich auch namenlos geworden, den alltägliche Tage heißen nur Montag, Dienstag, ...... Aber dass sich jetzt ja keiner einbildet, dass ich jetzt "Faketage" auch noch anders betrachte und es künftig ok finde belogen zu werden. "Faketage" bleiben Essigtage! Basta-Pasta!

(c)Tevoda