Josephine Muschdersub
Neues aus Hasenruh
carSten,chriStian & iCh
G.P.
SSC

Das Bier…

Neulich saßen wir wieder zusammen – Carsten, Christian und ich. Wie es sich für Münchner Ende September gehört, waren wir nicht bei unserem Stamm-Italiener, sondern auf dem Oktoberfest. Die Musik war laut, die Luft heiß – und der Durst entsprechend groß. Die Bedienung hätte an einem Tag sicher das verdient, was sie sonst in zwei Wochen bekommt, wenn sie Kilometergeld bekommen hätte. Gott sei Dank saßen wir nicht allzu weit von der Schänke entfernt; und wir bekamen unser Bier ziemlich schnell. Nach der zweiten Maß grinste Carsten auf einmal richtig breit. Na ja, dachte ich, bei dem fallen halt mit dem Bier auch die Hemmungen; das kennen Christian und ich ja vom braven Carsten, wenn er etwas zu tief ins Glas geschaut hat.

Aber Christian und ich schauten dann doch etwas überrascht, als Carsten von dem neuen Chat erzählte, den er vor kurzem entdeckt hatte. In unserem Stamm-Chat ist Carsten als ruhiger Zuhörer, der immer für jeden ein Ohr hat, bekannt. Gerade die Mädchen schätzen ihn, weil er nicht baggert und weil er ein ausgesprochen niveauvoller Gesprächspartner ist. In seinem neuen Chat hat er offenbar eine ganz andere Rolle, die Christian und ich eigentlich nur ganz selten bei ihm erleben : beim Fußball vielleicht – oder nach etlichen Bieren beim Kartenspielen: Das Großmaul.

Jedenfalls erzählte er von einer neuen Freundin, die ihn dort immer als „Fury“ bezeichne. Carsten dagegen nenne sie „Frau Krawuttke“. So heißt auch seine neugierige Nachbarin, die leider einmal mitgekriegt hat, wie Carsten weiblichen Besuch in hohen Stiefeln mit einem Tornister, aus dem etliche Schlagwerkzeuge herausschauten, hatte. Frau Krawuttke erzählt seitdem jedermann, den es interessiert oder auch nicht, dass Carsten ein Perverser sei. Dass sie seitdem ein beliebtes Objekt für unsere Scherze ist, versteht sich.
Carsten jedenfalls erzählte, dass er sich immer gerne einen Scherz mit der Chat-Dame erlaube, in dem er das Gespräch gern mit dem Satz „Frau Krawuttke, holen Sie mir mal ein Bier“ eröffne. Standard-Antwort sei: „Fury, ab ins Schlachthaus!“ Da Carstens neuer Chat in der Regel gut besucht ist, bekommen viele andere Chatter diese verbalen Schlagabtausche mit.

Auf einmal fing Christian an, zu lachen: „Das gibt es nicht – Du bist der Ackergaul…“ Christian macht sich gern über Carsten lustig – aber der wurde ausnahmsweise nicht ärgerlich; er wunderte sich, woher Christian die Geschichte kannte. Da stellte sich raus: Christian ist in Carstens neuem Chat auch vertreten. Auf einmal hatte er ein fieses Lächeln im Gesicht. Ich kenne diesen Ausdruck – er brütete etwas aus. Er bestätigte meine Gedanken allein dadurch, dass er sich zu Carsten beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
Ein paar Tage später waren Christian und ich bei Carsten zu Gast – Fußball schauen. Beim Läuten hatte ich mich gewundert, dass Frau Krawuttke – nein, nicht die aus dem Chat, sondern Carstens Nachbarin – nicht wie üblich zur Tür hinaus gespitzelt hatte, wer denn da beim Nachbarn klingele. Wir hatten sie nur durch die Tür telefonieren gehört. Aufgeregt und keifend – hatte sie in den Hörer geschrien: „Was habt’s denn immer mit Eurem Freibier? Saubande, dreckade!“.

Nachdem Carsten uns hereingelassen hatte, fing er an zu prusten. Christian grinste, und ich schaute fragend von einem zum anderen. Carsten klärte mich auf: Er hatte nach Christians Tipp in der U-Bahn und in seiner Firma 500 Handzettel liegenlassen: Neuer Getränkehandel – Zwei Wochen lang Freibier. Und die Telefonnummer, die er angegeben hatte war die von…genau – Frau Krawuttke…