Josephine Muschdersub
Neues aus Hasenruh
carSten,chriStian & iCh
G.P.
Interview

INTERVIEW MIT REGISSEUR ROLAND REBER

Frage: Wie entstand die ursprüngliche Idee zum Film?

Antwort: Ich kann mich noch genau an den Zeitpunkt erinnern, an dem die Idee für 24 / 7 The Passion of Life entstanden ist. Es war bei den Filmfestspielen 2004 in Cannes. Ich hatte eine Verabredung zum Mittagessen mit einem amerikanischen Produzenten und Regisseur. Auf dem Tisch lagen Papiersets mit dem Hinweis auf einen „24/7-Büroservice in Cannes“. Als ich unserem Gast erklärte, dass dieser Ausdruck aus der SM-Szene kommt, war er sehr verblüfft. Für ihn hieß dies schlicht „24 Stunden geöffnet“. Aus dem anschließenden „interkulturellen Dialog“, bei dem wir dem aus puritanischen Landen angereisten Gast eine kleine „Aufklärung“ zukommen ließen, entstand die Uridee zu dem Film - das Thema der verdrängten Sexualität: Verdrängt vor den Augen der Mitmenschen, aber vor allem verdrängt vor uns selbst.




 

Frage: Was bedeutet der Titel 24 / 7?

Antwort: 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche – ein anderer Ausdruck für „immer“.

Frage: War es schwierig, die teilweise sehr expliziten sexuellen Inhalte mit den Schauspielern umzusetzen?

Antwort: Nein. Jedem Darsteller war es überlassen seine Grenzen selbst zu definieren und umzusetzen. Diese Arbeitsweise ist mein Prinzip seit über 20 Jahren. Für mich sind Schauspieler nicht Erfüllungsgehilfen der Regie oder eines Autors, sondern kreative Künstler, die ihre Rollen selbst gestalten. Zum Dompteur eigne ich mich nicht. Vielmehr sehe ich mich als Dirigent, der die Zusammenarbeit der Solisten koordiniert.

Frage: Ihre Schauspieler sind nicht nur Schauspieler, sondern häufig auch in anderen Bereichen des Filmemachens involviert – wie z.B. bei Schnitt, Kamera, Drehbuch, Produktion etc. Sie selber führen bei 24 / 7 The Passion of Life nicht nur Regie, sondern haben das Drehbuch geschrieben und kümmern sich um den Verleih. Was sind die Vorteile dieser Arbeitsweise?

Antwort: In der Filmindustrie ist es immer mehr zu einer Spezialisierung gekommen – einer Fragmentierung der Kreativität. Viele Kollegen meinen, es müsste eine Teilung der künstlerischen, technischen und verwaltungsbedingten Positionen geben. Dieser Meinung bin ich nicht. Kreativität ist nicht teilbar – nicht getrennt erkennbar – sondern ist immer ein holistischer Vorgang. Wir sind kein Konzern, der Filme produziert, sondern Filmemacher. Filmemacher machen Filme. Und das ist eben ein ganzheitlicher Prozess – und einer der Spaß macht. Mira Gittner z.B. hat nicht nur eine der Hauptrollen übernommen, sondern auch die Kamera und den Schnitt des Filmes gemacht und zusammen mit mir das Drehbuch geschrieben. Marina Anna Eich, ebenfalls eine der Hauptrollen, ist für die internationale Vermarktung, den Verleih und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Somit vertreten wir „unseren“ Film und nicht ein Produkt anderer Leute. Ich würde nie von „meinem Film“ sprechen, sondern immer von „unserem“ – es ist ein Teamwork. Viele Schauspieler sehen sich oft selber in einer Erfüllungsposition. Sie sagen: „Ich habe bei einem Film mit-gemacht“. Sie distanzieren sich mit der Begründung, sie seien ja nur Schauspieler. Bei uns ist niemand „nur“.
Die Filmindustrie wird dominiert von Bankern und Geschäftsleuten. Sie rauben dem Film die Seele. Wenn ich diese aufgeblasenen Möchtegern-Filmrepräsentanten sehe, weiß ich, dass es Zeit wird den Film wieder an die zurückzugeben, die Filme nicht als Anlageobjekt, sondern als Aussage sehen – den Filmemachern.

Frage: Sie haben an Originalschauplätzen gedreht, u.a. in einem SM-Studio und in einem Swingerclub. Wie wirkte sich das auf die Arbeit an dem Film aus?

Antwort: Ein Filmstudio ist immer Kulisse, der das Leben fehlt. Es ist und bleibt ein künstlicher Ort. Wir wollten an Orten drehen, die es allen Beteiligten erlaubten die Authentizität zu spüren.

Frage: Das Umfeld ist nicht ganz alltäglich – gab es Berührungsängste (im Umgang mit den „echten“ Beteiligten)?

Antwort: Das Set eines Swingerclubs oder eines SM-Studios ist nicht alltäglich, aber die Menschen, die darin verkehren, sind es. Wenn man hinter die „Kulisse“ und die „Kostüme“ dieser Bereiche blickt, trifft man auf ganz alltägliche Menschen, die ihre Alltäglichkeit vielleicht für einen Moment abzulegen versuchen. Ich würde es als ein Disneyland für Erwachsene bezeichnen.

Frage: Gab es bei den Dreharbeiten eine Erfahrung, die Sie besonders beeindruckt hat?

Antwort: Mich hat jeder Drehtag beeindruckt. Sicher, es gab viele Erlebnisse, die ab jetzt zu meinem Anekdotenschatz gehören. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Allein die Recherche zu diesem Film hat uns oft in Situationen gebracht, die Erinnerungswert haben. Zum Beispiel als wir den Drehort für die Swingerszenen suchten, hatte uns der Besitzer eines Swingerclub fast die Tür vor der Nase zugeknallt, weil er glaubte, wir seien von den Nachbarn geschickt, um seine Gäste auszuspähen.
Auch das Casting der „Originalswinger“ hatte seine Reize. Zumal wir erst einmal klar machen mussten, dass wir keine 160. Folge für „Liebe Sünde“ oder ein Erotikmagazin von RTL drehen wollen. Wenn Sie den Begriff „beeindrucken“ benutzen, so kann ich Ihnen aus meiner Erfahrung nur sagen, dass etwas einen Eindruck hinterlässt, was wir noch nicht kennen. Sobald das nicht Gekannte in den Erfahrungsschatz integriert wird, verliert es seine hervorgehobene Stellung und wird alltäglich. In unseren Produktionsnotizen können Sie einige Erlebnisse finden, die das demonstrieren.

Frage: Was war Ihre Motivation sich mit den Themen sexuelle Obsessionen / Perversionen auseinander zu setzen? Was wollen Sie dem Zuschauer vermitteln?

Antwort: Sexualität ist ein universelles Thema, das leider allzu oft nur zur Quotensteigerung thematisiert wird. Ernsthafte Auseinandersetzung – auch mit dem uns Fremden – findet meist nicht statt. Pervers kommt vom lateinischen „perversus“ (verdreht) – also erst einmal nichts Negatives. In unserer Gesellschaft wird „pervers“ aber meist abwertend verwendet. Pervers sind für mich eher Begriffe aus der Politik und unserer Sozialmoral. Für mich ist ein Mensch, der sich jeden Tag in Arbeit, Familie und Gesellschaft prostituiert, perverser, als ein Mensch, der seine sexuelle Neigung lebt. Natürlich nur dann wenn er die Selbstbestimmung und die Freiheit des Gegenüber achtet.
In jeder Stadt existieren die Un-Orte (Stripteaselokale, Swingerclubs, SM-Studios, Puffs), die die Gesellschaft schamhaft verdrängt, aber dennoch besucht. Sexuelle Phantasie verstecken viele sogar vor sich selbst. Sie versuchen, sich der vorherrschenden Meinung anzupassen, ja nicht aufzufallen. Aber dadurch machen sie die Phantasien ja nicht ungeschehen. Sie warten eben auf den nächsten Urlaub, den Fasching oder das Oktoberfest....
Das alles war für uns Motivation genug uns dieses Themas anzunehmen.

Frage: Neben den Hauptdarstellerinnen Marina Anna Eich und Mira Gittner sind in 24/7 – The Passion of Life auch Laiendarsteller zu sehen. Wie verlief das Casting zu diesem Film?

Antwort: Neben zahlreichen Profischauspielern haben auch einige Personen aus der Szene an dem Film mitgewirkt. Für die Statisten im Swingerclub wollten wir zunächst „Nicht-Swinger“ einsetzen. Das wäre meiner Meinung nach aber peinlich geworden. Wer es nicht gewohnt ist im Tigertanga und Reizwäsche auf Barhockern zu sitzen - und dabei auch noch natürlich wirken soll -, wird an dieser Aufgabe scheitern. Also haben wir den Swingerclubbesitzer gebeten, unter seinen Gästen zu fragen, wer Interesse daran hat in einem Film mitzuwirken. Danach hat es viele Gespräche und eine letztendliche Auswahl gegeben. Die Dreharbeiten waren sehr angenehm, weil es allen Beteiligten viel Spaß gemacht hat. Im SM-Studio haben die Gäste sehr schnell mitbekommen, dass Dreharbeiten im Gange waren. Der Eine oder Andere hat uns angesprochen und wir haben zwei von ihnen ausgewählt.

Frage: Wie kamen Sie zum Film?

Antwort: Ich habe 20 Jahre lang als Schauspieler, Autor und Regisseur in Deutschland und auf internationaler Ebene Theater gemacht. Wenn ich etwas sagen wollte, schrieb ich ein Stück und inszenierte es. Irgendwann kam der Punkt, an dem mir bewusst wurde, dass die Bühne beschränkende Grenzen hat, die überschritten werden sollten. So kam ich zum Filmemachen, weil mir Kino die kreative Freiheit gibt und es viel näher am Zuschauer ist als das Theater. Für mich ist Filmemachen wie Sprechen und es ist näher an mir selbst. Jedoch, wie ich mich selbst nicht völlig verstehe, verstehe ich auch meine Filme nicht völlig. Auch wenn die Filme, die ich mache, eine erkennbare Handschrift haben, so hängt der Stil und die Handhabung des jeweiligen Films vom Thema ab und das unterscheidet sich vom einem zum anderen.

Frage: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Antwort: Zurzeit recherchiere ich zusammen mit Mira Gittner zu dem Thema Bewußtseinskontrolle. Es ist ein spannendes Thema, das wieder ein heißes, wenn auch nicht sexuelles, Thema anpackt. Es geht um Manipulation, Geheimforschung und Politik. Hier wäre die Frage nach der „Perversion“ angebrachter.

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