Josephine Muschdersub
Neues aus Hasenruh
carSten,chriStian & iCh
G.P.
Rigoletto

Samstag, der 4.10.03 - 19:30. Das Theater Augsburg hatte zur Premiere geladen...

Verdis „Rigoletto“ stand auf dem Programm. Nun ist es ja in unserem Onlinemagazin nicht unbedingt üblich, Opernklassiker zu rezensieren aber die diese Inszenierung bot soviel Bemerkenswertes, dass wir uns in dieser Oktoberausgabe etwas näher mit dem Stück beschäftigen wollen.

Beginnen wir aber mit dem Ende...

Punkt 22:00 sank Gilda in den Armen ihres Vaters Rigoletto zusammen und der Vorhang fiel.
Es folgten 12 Minuten Applaus und eine Mischung aus Bravos und Buhs, wie sie in Augsburg in dieser Form wohl noch nie an der Tagesordnung standen.

Was waren die Gründe für die Gefühlsausbrüche eines Premierenpublikums, das ansonsten wohl eher als ruhig und „pflegeleicht“ zu bezeichnen ist?

1.Akt
Das Treiben am Hof von Mantua präsentierte sich in einer Form, die Anarchie und Willkür eines Regimentes von herrschsüchtigen Männern nicht besser hätten darstellen können. Eine dominante Männerwelt am Ende einer epochalen Entwicklung, die ihren Höhepunkt schon längst überschritten hatte, setzt sich über jegliche Regeln hinweg und fröhnt gelangweilt ihrer Lust. Es wird gefixt, geraucht, getrunken, vergewaltigt, gemordet... Frauen werden als Lustobjekte degradiert und selbst der Fluch Montereones beschäftigt außer Rigoletto niemanden der lüsternen Runde.
Das Team um Anette Leistenschneider ( Regie), Manfred Breitenfellner (Bühne) und Ulli Kremer (Kostüme) dürften an dieser Stelle vom konservativem Besucher die ersten Striche auf ihrer „Buh-Liste“ erhalten haben. Derbes Fell, Leder, Siefel, Nieten und lange Mäntel konkurierten mit sündigem Outfit der Damen, die auch nicht mit nackter Haut geizten.
Doch was hätte die Dekadenz dieses Bildes besser zeichnen können als zur Schau gestellte Busen und nachgestellte Kopulationsszenarien?
Derb und ohne jegliche Schönfärberei brachte es den Inhalt dieser Verdioper schon vor dem ersten Vorhang auf den Punkt. Auch wenn der Wunsch nach „ihrem“ Rigoletto so manchem Besucher ins Gesicht geschrieben stand...

Was in Akt 1 und auch in Akt 2 folgte waren Gesangsleistungen, die das vom Beginn emotional aufgewühlte Publikum wieder „beruhigten“. Gerade Petra van der Mieden als Gilda und Riccardo Lombardi als Rigoletto lieferten sich beeindruckende Duette und der Chor bestach nicht nur stimmlich, sondern besonders durch seine Spielfreude, der deutlich anzusehen war, wie geschlossen das Ensemble hinter dieser Inszenierung steht.

Und irgendwie schien es, es hätte auch der kritische Teil des Publikums mittlerweile seinen Frieden mit diesem Stück geschlossen.
Zumindestens bis zum Beginn des dritten Aktes.

Sparafucile (Dimitri Ivachenko) präsentierte seine Schwester Maddalena (Katrin Koch) als devotes Opfer. Am Halsband mit langer Stahlkette geführt und entgegen dem klassischen Rigoletto-Inhalt, in der Opferrolle und nicht in der provokanten Haltung der „lockenden Hure“ überraschte Maddalena nicht nur stimmlich. Ihr Wandel vom klassischen Opfer zur liebenden Unterworfenen, wurde zum einem durch das Ablegen der Kette, aber auch durch ihre beeindruckende Mimik und Körperhaltung symbolisiert.
Die dramatische und fesselnde Entwicklung zwischen Maddalena und dem Herzog nahm seinen Lauf und Peter Bernhard als Herzog Il Duca di Mantua verkörperte die Verzweiflung und Ausweglosigkeit einer desillusionierten und zerstörten Persönlichkeit und gerade in seiner viel kritisierten „La donna e mobile“-Passage kam die Tragik dieser Entwicklung in einer berührenden Art, die das Gesamtkonzept nicht hätte besser beschreiben können.

Sein „goldener Schuß“ brachte zeitgleich mit dem Dahinscheiden Gildas das „wunderbare“ Faß zum überlaufen und sorgte für einen Höhepunkt, der die Gemüter spaltete.

Unser Fazit:
Anette Leistenschneiders Inszenierung war eines der fesselndsten Stücke des Opernjahres 2003. Die „dunkle Seite“ dieses Klassikers kam realitätsbezogen und bewegend an und brachte Verdis Inhalt ungeschminkt an Tageslicht.
Daß Dr.Peters als Intendant des Theaters ihr dafür eine Plattform gab, sollte beispielgebend für andere Häuser sein und verdient ein besonderes Kompliment.
Das abstrakte Bühnenbild – wunderbar übrigens auch die „Badewannenszene mit dem Joint“ von Sparafucile ;-) (vor allem den Damen zu empfehlen) – bot Details, die in jedem detailverliebten Besucher noch tiefer in die Handlung eintauchen ließ und auch sicherlich auch dem BDSM-geneigtem Besucher noch so manches verschmitze Lächeln ins Gesicht zaubern wird.

© G.P.10/03




 



Fortsetzung:
Dieser Artikel unseres Onlinemagazins vom Oktober 2003 rief dann folgende Reaktion der Augsburger Allgemeinen hervor:

(Quelle: Augsburger Allgemeine 11.10.2003)
verantwortlicher Redakteur: Herr Heinze

ANGEMERKT
FACTS & NEWS

Rigoletto für Spezialisten

Am vergangenen Samstag hatte am Theater Augsburg Verdis Oper „Rigoletto“ Premiere, über deren teils sexuell- drastische Inszenierung das Publikum engagiert geteilter Meinung war. Wie es guter Brauch ist von der Dramaturgie, wurden in den Tagen danach auf dem Gang zum Intendantenbüro die erschienenen Medien- Kritiken am Schwarzen Brett aufgehängt, damit sich die Mitarbeiter des Hauses ein Bild von der öffentlichen Reaktion machen können.
Diesmal fielen die Kritiken von Funk und Zeitungen nicht so überschwänglich aus- mit Ausnahme einer Besprechung aus dem Internet, die irgendwie auch ihren Weg zum Aushang gefunden hatte.
Wir haben die Kritik mit Interesse und überdies bei bester Laune studiert und wollen unseren Lesern hier das Fazit nicht vorenthalten: „Die dunkle Seite dieses Klassikers (Rigoletto) kam realitätsbezogen und bewegend an und brachte Verdis Inhalt ungeschminkt ans Tageslicht. Dass Dr. Peters als Intendant des Theaters Ihr (der Regisseurin) dafür eine Plattform gab, sollte beispielgebend für andere Häuser sein und verdient ein besonderes Kompliment. Das ... Bühnenbild ... bot Details, die ... sicherlich auch dem BDSM-geneigtem Besucher noch so manches verschmitzes Lächeln ins Gesicht zaubern wird.“
So weit alles klar. Aber was bedeutet „BDSM“? Das Internet half weiter. Hinter dem Absender besagter Opernkritik verbirgt sich eine Online- Seite für Anhänger des Sado- Masochismus, die sich im Augsburger „Rigoletto“ ja durchaus ohne Schwierigkeiten wiedererkennen können. Und nun stellen wir, die wir durchaus nicht einem stets „sauberen“, politisch- korrekten“, „unverfänglichen“ Theater das Wort reden wollen, die prickelnde Frage, ob der Internet- Beifall aus der „richtigen“ Ecke ertönt? Und ob das Lob „beispielgebend“ noch zu weiteren Konsequenzen an der Augsburger Bühne führt?




Diesem Artikel folgte dann ein Leserbrief unsererseits, dessen Veröffentlichung allerdings einige Zeit auf sich warten ließ. Erst auf Nachfrage beim Chefradakteur der Augsburger Zeitung erschien dieser dann in der AA. Allerdings nur in gekürzter Form. Und deshalb gibt es den gesamten Leserbrief hier noch mal in voller Länge.

Ein Aufschrei des Entsetzens...oder... Der Untergang des Abendlandes

Mit drei Zitaten des Sohnes der Stadt Augsburg – Bertold Brecht- möchte ich diesen Leserbrief beginnen...

***

Denn die einen stehn im Dunkeln
Und die andern stehn im Licht.
Und man siehet die im Lichte,
Die im Dunkeln sieht man nicht.

Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich habe mich noch selten getäuscht.

***

Verwundert aber trotzdem lächelnd beäugen wir die Wellen der Empörung, die durch das schöne weltoffene Augsburg rauschen. Aber was nun genau ist denn geschehen?

Rigoletto hatte am Theater Augsburg Premiere. Nun wäre das ja nichts weltbewegendes, wenn diese Verdi-Inszenierung so über die Bühne gegangen wäre, wie es das geneigte Theaterpublikum erwartet.
Wie schrieb es ihr Kulturredakteur –Herr Heinze- in seinem Artikel vom 11.10. :
sauberes, politisch korrektes und unverfängliches Theater“ ...

Sicher war das Premierenpublikum geteilter Meinung über das Stück. Ein Wunder? Nein, vielmehr ein Beleg dafür, wie unterschiedlich Kultur beim Endverbraucher ankommt.

Und da sind wir schon beim kritischen Punkt. Gab es doch unter den Besuchern dieses Abends Menschen, die im nachhinein über das Stück berichtet haben. Die Printmedien entsandten ihre Pressevertreter, die dem Stück größtenteils negative Kritiken zukommen ließen.
Auch die neuen Medien schrieben im nachhinein über diese Inszenierung. Und ein Onlinemagazin erdreistete sich gar zu einem positivem Feedback. Nun wäre diese positive Kritik ja so schlimm auch nicht gewesen. Schließlich bot die Inszenierung ja genügend Zündstoff für pro und contras.
Nur die Quelle sorgte für blankes Entsetzen und nötigte Herrn Heinze geradezu dieser Sache auf den Grund zu gehen. Und so recherchierte er –natürlich bislang über das Thema völlig uninformiert- in der Weite des WorldWideWeb und siehe da, dank Google kam das „Böse“ sofort zum Vorschein. Denn eigentlich ist der Themenschwerpunkt dieses besagten Onlinemagazins, das monatlich über 100.000 Leser mit Informationen versorgt, der Sadomasochismus. Aber manchmal bewegt sich das Redaktionsteam dieses Magazins über das Thema BDSM hinaus. Im Prinzip schon ein Skandal für sich. Wohin soll es führen, wenn Menschen mit einer speziellen sexuellen Neigung ( die statistisch gesehen übrigens 10% der bundesdeutschen Bevölkerung in sich tragen und gelegentlich ausleben) auf einmal beginnen über Kultur zu reden.
Und so fragte Herr Heinze in seinem Artikel „...ob der Beifall aus dem Internet wohl aus der richtigen Ecke kommt?“

Wie bitte, Herr Heinze? Wo ist die richtige Ecke? Positive Resonanz auf kulturelle Ereignisse von Menschen, deren sexuelle Präferenz eine Minderheit des Bevölkerungsschnittes präsentiert, ist als deplaziert zu betrachten?
Ist es dann nicht mehr sauber? Nicht mehr politisch korrekt? Nicht mehr unverfänglich?

Und wenn wir schon beim Thema sind...
Zitat Herr Heinze: „Hinter dem Absender besagter Opernkritik verbirgt sich eine Online- Seite für Anhänger des Sado- Masochismus, die sich im Augsburger „Rigoletto“ ja durchaus ohne Schwierigkeiten wiedererkennen können.“

Wie kommen sie eigentlich darauf, das sich diese Bevölkerungsgruppe dort ohne Schwierigkeiten „wiederfindet“, wenn sie bis dato nicht mal wussten was BDSM ist?

Aber sie haben recht. Es gab einige wenige Details in dieser Inszenierung, die einen Bezug zu sadomasochistischen Handlungsweisen und Merkmalen hergestellt haben.
Nur haben sicherlich nicht ausschließlich diese dazu geführt, dass die Inszenierung diese positive Bewertung bekommen hat.
Wäre ja auch schlimm. Denn wenn es so wäre, hätten sich auf Grund der Darstellung im dritten Akt ( Sparafucile rauchte in der Badewanne darstellerisch einen Joint ) ja auch die Konsumenten diverser Rauschmittel zu Wort melden können...
Oder gar Menschen die bisweilen dem exzessiven Genuss alkoholischer Getränke frönen, wie im ersten Akt zu sehen war.

Und das, sehr geehrter Herr Heinze, wäre ja nun wirklich der „Untergang des Abendlandes“...

Denn die kommen natürlich für Lob genauso wenig in Frage, wie Menschen mit sadomasochistischen Neigungen. Aber keine Angst, Herr Heinze... In Augsburg gibt’s sicher weder das eine, noch das andere...

Weiteres Zitat von Herr Heinze: Und ob das Lob „beispielgebend“ noch zu weiteren Konsequenzen an der Augsburger Bühne führt?

Abgesehen davon, dass sich die Hoffnung auf das beispielgebende Engagement in diesem Bericht wohlgemerkt auf andere Häuser bezog, wäre das natürlich für Augsburg der Untergang schlechthin. Und so bleibt ihnen ja die Hoffnung, das dieser „Aufschrei des Entsetzens“ das Augsburger Theater wieder auf den Pfad der Tugend zurückführt. Und vielleicht gelingt es sogar irgendwann einmal, ein Stück auf die Bühne zu stellen, das so „sauber, politisch korrekt und unverfänglich“ ist, das niemand daran Anstoß nimmt. Und schon gar nicht Menschen mit einer Neigung, über deren Beweggründe sie bis zum 10.10.2003 nicht mal was wussten.

Interessant übrigens, dass der zweite thematische Schwerpunkt dieser Ausgabe des Onlinemagazins - der in Cannes für den Filmpreis nominierte Kinofilm „Secretary“ der sich inhaltlich komplett mit dem Thema SM beschäftigt und in Deutschland neben ausgezeichneten Kritiken auch volle Kinos hervorruft – bislang keinen Anlass für derartige „obszöne“ Verbindungen geboten hat. Aber vielleicht ist das ja Stoff für eine weitere Glosse, Herr Heinze?

Mit freundlichen Grüßen

G.P.
- Und bevor jetzt wilde Vermutungen und Diskussionen aufkommen... Ja, ich bin der verantwortliche Redakteur dieses Onlinemagazins und Ja, ich besuche auch andere Opern ;-) -