Josephine Muschdersub
Neues aus Hasenruh
carSten,chriStian & iCh
G.P.
Über das Projekt

Die Idee zum Film
Es gibt wenige Filme, die sich ernsthaft mit dem Thema Sexualität beschäftigen, meistens dient die Darstellung von Sex- oder Nacktszenen der Einschaltquote und steht in keinem Zusammenhang mit der Geschichte oder wird als „Verirrung“ oder „Zwang“ dargestellt.
In 24 / 7 The Passion of Life wird Sexualität als natürlicher Teilbereich des Menschen dargestellt, als lustvolle Erfahrung von sich selbst und des Lebens, als intensive Form der Kommunikation - ohne dabei die Moralkeule zu schwingen, aber auch ohne Verherrlichung – eine Darstellung ohne Wertung. Darstellerin, Kamerafrau und Drehbuchautorin Mira Gittner erklärt den Ansatz: „Sexualität ist individuell und da es nicht DEN Menschen gibt, gibt es auch nicht DIE Sexualität. Für jeden bedeutet Sexualität etwas anderes und niemand hat das Recht, vorzuschreiben, wie und ob jemand seine Sexualität zu leben hat. Ebenso ging es bei dem Film nicht um eine dokumentarische, sondern um eine lyrische Darstellung, nicht um die rein körperliche, sondern auch um die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. Es ging nicht um die Darstellung diverser Sexual-Techniken als libidöse Leibesübungen, sondern um die Essenz, um das, was dahinter liegt bzw. was wir dahinter vermuten.“ Die Erotik ist in 24/7 The Passion of Life in die Geschichte eingebettet, eine Geschichte, die ihre Figuren weder denunziert, noch bedauert, oder überhöht, sondern sie als das akzeptiert, was sie sind, mit all ihrem Hang zur Verwirklichung und der Einsamkeit, die dahintersteckt, mit ihrem Suchen und ihrem Scheitern. 24 / 7 The Passion of Life beschreibt die Sehnsucht des Menschen, sich hinauszuwagen und gängige Denkschemata und Moralvorstellungen in Frage zu stellen und zu überwinden.



Spezielle Arbeitsweise
Der Film ist durch Teamwork entstanden, mit einem kleinen Team, dessen Mitglieder viele verschiedene Aufgaben vor und hinter der Kamera übernommen haben: Roland Reber ist Regisseur, Co-Autor, hat die zweite Kamera gemacht und kümmert sich jetzt zusammen mit Marina Anna Eich um die Vermarktung des Films. Die Hauptdarstellerin Marina Anna Eich (Rolle: Eva) ist ebenso Co-Produzentin, hat das Catering übernommen und ist zuständig für die Vermarktung des Films. Mira Gittner machte die Bildgestaltung / erste Kamera, Schnitt, ist Co-Autorin und spielte die Rolle der „Lady Maria“ etc.

Das Drehbuch, das auf einer Grundidee basiert, beginnt mit ein paar wenigen Seiten, die dann im Laufe der Dreharbeiten ausgebaut und weiterentwickelt werden. Es wurde nicht improvisiert, die Szenen werden während der Dreharbeiten entwickelt, geschrieben und inszeniert.
Roland Reber versteht Filmemachen als kreatives Abenteuer: „Jeder hat die Möglichkeit seine Ideen und Kreativität einzubringen. Ich glaube nicht an Geschichtenerzählen im narrativen Stil, da das Leben nicht wie ein Roman ist, der nur einer Richtung folgt. Es ist multidimensional mit plötzlichen Wendepunkten.“
Mira Gittner: „Der Phantasie wird freier Lauf gelassen, es ist eher ein Aufschreiben von Gedanken, Assoziationen, Ideen, die später zu einem Ganzen zusammengefasst werden. So schreibt sich die Geschichte irgendwann von selbst.“
Die vielseitige Natur des Lebens lässt sich nicht in autoritäre Strukturen zwängen.
24 / 7 The Passion of Life beginnt vielleicht narrativ, verliert aber im Laufe der Geschichte immer mehr seine lineare Erzählweise und endet in einem symbolischen, fast abstrakten Akt.
Roland Reber und Mira Gittner: “Uns interessieren mehr die Stimmungen, Situationen mit all ihren vorhandenen Möglichkeiten der Weiterentwicklung, die verschiedenen Bewusstseinszustände der Figuren, als die völlige Erklärung derselben. Es ist eher eine lyrische als rationale Darstellung des Geschehens. Die Figuren geben keine vollständigen Erklärungen ihrer Verhaltensweise, sondern sie bleiben ebenso unvollständig wie im wirklichen Leben auch, denn all unser Wissen über uns oder andere ist niemals vollständig. Diese „Unvollkommenheit“ führt zu einem tieferen Einblick in die menschliche Seele und somit zu einem mehrdimensionalen Verstehen. Somit wirken die Figuren oft verloren oder einsam in ihrem Bestreben sich selbst zu enträtseln, denn ihr Geheimnis haben sie noch nicht entschlüsselt. Das Rätsel ist das Spannende, nicht die Eindeutigkeit, denn niemand ist das, was er zu sein scheint. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, die Figuren zu enträtseln.“



Die Schauspieler und ihre Rollen
Als der Entschluss gefasst war sich mit dem Thema Sexualität filmisch auseinander zu setzen, begannen die sehr umfassenden Vorarbeiten. Dazu Regisseur Roland Reber: „Es war uns sehr wichtig, sich durch viele Interviews, Vorortrecherchen und Literatur ernsthaft mit der Thematik auseinander zu setzen. Es waren die längsten Recherchearbeiten, die wir je zu einem Film gemacht haben.“ Besonders die Schauspieler haben in ihren Rollen absolutes Neuland betreten. Neben Literatur und vielen Interviews hat Mira Gittner, die die Domina „Lady Maria“ spielt, im Vorfeld ein paar Nächte in einem Studio als Gast-Domina assistiert, um sich so einen Eindruck von dem Geschehen zu machen.

Mira Gittner: „Für mich ist das ein ganz normaler Vorbereitungsprozess für eine Rolle. Wenn ich eine Ärztin spielen würde, würde ich auch versuchen, ein paar Tage das Praxisleben mitzuverfolgen. Da ich mit der SM-Szene vorher noch nicht in Berührung gekommen bin, wollte ich meine persönlichen Erfahrungen machen. Ich wollte die Atmosphäre spüren, den Umgang miteinander, Alltäglichkeiten. Es musste für mich im Studio natürlich und normal werden. Außerdem musste ich erst mal lernen, auf hohen Schuhen zu laufen, ich trage privat meistens Turnschuhe. Ich finde, man sieht es einem Schauspieler an, ob er das erste Mal z. B. eine Fessel in der Hand hält oder nicht. Man sollte als Schauspieler keine Berührungsängste mit einer Rolle haben. Für mich war es spannend, die Möglichkeit zu bekommen, in die mir unbekannte Welt der SM-Szene einzutauchen. Die Poesie, Ruhe und Hingabe, die ich teilweise erlebt habe, das zärtliche Spiel und vor allem die Kommunikation zwischen Domina und Gast haben mich beeindruckt. Aus all diesen Erfahrungen, Interviews und Recherchen ist dann die Rolle der „Lady Maria“ entstanden. Diese Figur ist Fiktion, so wie der ganze Film Fiktion ist, auch wenn die ein oder andere Geschichte oder Person authentisch ist, jede Szene ist geschrieben und inszeniert.“

Auch für Marina Anna Eich, die die Rolle der Eva spielt, waren die Dreharbeiten zu 24 / 7 The Passion of Life eine ganz besondere Erfahrung: „Interessant war es mitzubekommen, wie viele verschiedene Menschen mit diesen Themenbereichen zu tun haben, dies aber der Öffentlichkeit vorenthalten.“ Dass die Thematik allgegenwärtig ist und nur meistens dezent hinter geschlossenen Türen ausgelebt wird, wurde ihr durch ein Erlebnis abseits der Filmkameras bewusst: „Privat trage ich sehr gerne hohe Schuhe. Als ich während der Dreharbeiten beim Einkaufen war, sprach mich ein Mann an. Er erklärte, dass er Schuhfetischist sei und fragte mich, ob ich ihm kurz auf seine Hände treten würde. Er kniete sich vor mich hin. Zuerst war ich etwas perplex, doch ich tat es. Er stand wieder auf, bedankte sich glücklich und wünschte mir noch einen schönen Tag.“

Neben vielen Profischauspielern wie Marina Anna Eich (Eva), Mira Gittner (Lady Maria) und Christoph Baumann (Dominik) usw. haben auch einige Laiendarsteller an dem Film mitgewirkt. So fing zum Beispiel die Rolle des Mike, gespielt vom Swingerclubbesitzer Michael Burkhardt, als kleiner Part an und entwickelte sich während der Dreharbeiten zu einer der Hauptrollen. Ebenso verlief es mit der Rolle der Elfriede, gespielt von Reinhard Wendt, der den Regisseur Roland Reber während der Dreharbeiten im SM-Studio ansprach: „Sir, ich bin Elfriede, das Dienstmädchen. Ich hätte eine Frage, Sir. Dürfte ich in Ihrem Werk mitwirken?“ Der 80-jährige Reinhard Wendt verwandelt sich in der Welt des SM-Studios zum Dienstmädchen Elfriede. In der Welt außerhalb des Studios ist er ganz der würdige ältere Herr. Er schafft auch noch im hohen Alter den Spagat zwischen den „Welten“. Durch lange Gespräche mit „Elfriede“ inspiriert, entwickelten Roland Reber und Mira Gittner dann die Rolle im Film.



Locationsuche
“Lokalitäten wie Swingerclub, SM-Studio und Striptease-Bar wurden in die Filmgeschichte integriert ohne moralisch zu wirken. Wie oft sieht man im deutschen Fernsehen einen Mord im Swingerclub, der Täter im SM-Studio etc, immer negativ behaftet. Wir wollten das Thema darstellen ohne die Moralkeule zu schwingen. Wir haben vor den Dreharbeiten lange mit Leuten aus den jeweiligen Szenen gesprochen und deren Erfahrungen auch in den Film mit einfließen lassen.“
Roland Reber

Eine wichtige Voraussetzung, um eine authentische Atmosphäre sowohl beim Dreh, als auch im Film zu schaffen, war das Drehen an Originalschauplätzen.
Doch die Suche nach passenden Locations gestaltete sich nicht immer einfach. So war der Besitzer des Swingerclub „La Boum“ nicht unmittelbar begeistert von der Idee dort einen Spielfilm zu drehen: „Filmen – hier bei uns ? Daran haben wir überhaupt kein Interesse. ... Warum unser Club ? ...Wenn es sein muss, dann kommen Sie halt mal vorbei“ war seine erste Reaktion. Erst nachdem er etwas überrascht realisierte, dass es sich tatsächlich um ein seriöses Projekt handelte, zeigte er sich bereit, seinen Club für das Filmteam zu öffnen. Später stellte sich heraus, dass seine anfängliche Abneigung daher rührte, dass in der Vergangenheit des Öfteren Nachbarn versucht hatten sich auf diese Weise Zugang zum Club zu verschaffen. Nebenbei: Der Besitzer des Clubs, Michael Burkhardt ist in 24/7 The Passion of Life in einer der Hauptrollen als „Mike“ zu sehen. Und wie bei wtp international üblich, übernahm er auch noch andere Aufgaben (z.B. den Umbau des „Maria-Mobil“, den Kreuzaufbau usw.)

Auch bei der ersten Locationbesichtigung des SM-Studios, hatte das Filmteam eine interessante Begegnung. Hinter dem Eingangs-Gitter saß ein nackter Mann mit Hundeohren und Halsband friedlich vor einem Wassernapf. Wider Erwarten waren nicht alle Studio-Gäste auf Diskretion bedacht und die Domina stellte den nackten Mann als „Bello, einen lieben Rottweiler“ der überraschten Mira Gittner vor, die die Hundeleine in die Hand gedrückt bekam, um mit Bello Gassi zu gehen. Diese Szene wurde dann später in den Film eingebaut.



Bezugnahme zur Religion
Unsere Gesellschaft ist geprägt von 2000 Jahren kirchlicher Sexualmoral, ob man nun an das Christentum und die Kirche glaubt oder nicht, die Gesellschaft baut sich darauf auf. „Es ist abendländische Realität, wenn Strafcodices und Gerichtsurteile von dem mitbestimmt werden, was altorientalische Ziegenhirten vor ein paar tausend Jahren über Sexuelles dachten“ (Karlheinz Deschner, „Das Kreuz mit der Kirche“). Also kommt man bei einem Thema, das sich mit Sexualität und Gesellschaft befasst, nicht an der Religion vorbei. Außerdem kann Sexualität ein tief religiöser Vorgang sein. Erotik ist mehr als das dumpfe Abarbeiten von diversen Stellungen, es kommt nicht auf die Technik, sondern auf die Essenz an. Erotik ist ein Versuch, sich Selbst zu begegnen, das bewusste Alltags-Ich abzuschalten, es durch Hingabe gar aufzulösen, sich zu vergessen, sich zu verlieren, um einen winzigen Augenblick in die Unendlichkeit des Seins einzutauchen - und dies ist ein religiöser Vorgang.

Im Zwielicht des SM-Studios in 24 / 7 The Passion of Life kann der Mensch er selbst und individuell sein, er ist nicht mehr verpflichtet, ein Gemeinschaftsaspekt der Gesellschaft zu sein. Das Studio wird so zum sakralen Ort, zum Heiligtum, wo das Individuum abgeschieden von der Alltäglichkeit moderne Rituale zelebriert, in denen das Unbewusste der Zeremonienmeister ist. Die Vernunft weicht den verborgenen Sehnsüchten und Verdrängungen, die Emotion kommt zum Vorschein. Es ist der Versuch, sich in all seinen Gegensätzlichkeiten wiederzuvereinen, die Trennung von Rationalem/Verstand und Irrationalem/Gefühl zu überwinden und die Transzendenz des Ichs zu erreichen. Es geht um das Erleben der Gleichzeitigkeit von Existenz und Nicht-Existenz, von Verlust und gleichzeitiger Erfahrung der ureigensten persönlichen Identität.

Der Moraltheologe Stephan Pfürtner: „Die Sexualfeindlichkeit der Kirche, die viel menschliches Leid und krankhafte Neurosen hervorgebracht hat, hat letztlich zu tun mit dem Machterhalt der Institution und der Steuerung der Menschen.“ Die gesellschaftliche Ablehnung gegenüber dem sexuellen Sadomasochismus ist paradox, da unsere Gesellschaft vom Christentum geprägt ist, das den Sadomasochismus par Excellence praktiziert: Anbetung, Gehorsam, Bestrafen, Opfer, Erziehungsspiele, 24/7, Fetisch etc. Die Gesellschaft bezeichnet einen Fetischisten, der einen leblosen Gegenstand wie einen Schuh, verehrt, als „krank“ oder „pervers“, eine Gesellschaft, die auf den Grundlagen des größten Fetischs der Welt ruht: Jesus am Kreuz. Die Kirche hat durch die Verteufelung der Sexualität den Weg zur lustvollen Erfahrung des Lebens und von sich Selbst in den Schmutz gezogen, vom Natürlichen zum Bösen degradiert.

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