Jo Wagner - Die Umkehrung

Die Umkehrung - Zwischen Sexualität, Gott und Psychologie

Jo Wagner

„... Als Gerd gerade fünf Jahre alt war, teilte Hilde ihm und seiner Schwester Renate beim Zubettgehen mit, dass sie wohl bald noch ein Geschwisterchen haben würden. Damit betrat Harald die Bühne der Familiengeschichte. Manchmal beschleicht ihn heute der Verdacht, dass sich von nun an alles zuspitzte...“

In diesem stark autobiographisch gefärbten Roman schildert Joe Wagner das jahrelange Ringen der Hauptfigur Harald Bach, sich selber in seinen Bedürfnissen und seiner andersartigen Sexualität anzunehmen und zuzulassen.

Der 315 Seiten starke, broschürte Band liest sich über weite Strecken wie ein Psychokrimi, in dem Kommissar und Täter ein und dieselbe Person sind. Immer wieder scheitert dabei der Kommissar, des Täters und damit seiner selbst habhaft zu werden. Er sieht die Spuren und vermag ihre Bedeutung und ihr Gewicht für den Fall doch nicht zuzuordnen. Immer wieder, wenn er ihn schon glaubt dingfest gemacht zu haben, entwischt er ihm wieder.

Joe Wagner konfrontiert uns in einer Weise mit Harald Bachs Ringen, seine von ihm als pervers und schmutzig vermutete Sexualität zu beherrschen, zu verstecken und sogar mit dem eigenen beruflichen Handwerkszeug des angehenden Psychologen zu „heilen“. Seine masochistisch-subbmissive Neigung behauptet sich aber hartnäckig gegen alle Versuche Haralds, ihr Fesseln anzulegen oder sie zumindest in feste Bahnen zu zwingen.

Der Autor lässt uns Bach hautnah folgen, durch Dickichte von Selbstzweifeln, in die Gemeinschaft einer Freikirche, von der er sich die Heilung von seinen masochistischen Sehnsüchten und Traumbildern erhofft, durch Familienauseinandersetzungen und durch seine ersten, auch für ihn hilfreichen Begegnungen, mit Schwerstbehinderten in seinem Praktikum.

Endlich findet der grüblerische, in sich selbst zurückgezogene Harald Bach, für den durchaus das Attribut kopfgesteuert passt, den Mut, auf eine Anzeige zu antworten, in der eine „... Sie (26) mit Neigung zur Dom. einen aufgeschl. neugierg. Ihn, zwecks ggs. Selbsterf. sucht, Sympath. vorrausg! kfI....“

Hier greift nun das pure Leben in Gestalt zweier Frauen auf den, sich gedanklich und emotional ständig in einem unaufhörlichen, selbstbezogenen Kreis drehenden Harald Bach zu. Ingrid, die Schreiberin der Annonce, erweist sich als sehr einfühlsame und starke FemDom, die wohl für jeden suchenden und an sich selber zweifelnden Sub der Glückfall schlechthin sein könnte. Seine Kollegin Margot schafft es wiederum als aufmerksame und vorurteilfreie Zuhörerin, dass Harald Bach sich endlich gegenüber seiner Um- und Außenwelt öffnen kann.

Hier noch eine kleine Leseprobe aus dem abendlichen Gespräch mit Margot, wenn auch dem überraschenden Ausgang des Romans nicht vorgegriffen werden soll:

„...Ja, du bist individuell. Jeder ist anders als alle anderen. Und jeder muss damit klar kommen. Du hast immer versucht, dich anzupassen, an die Religion, der du dich unterworfen hast, dann hast du dich der Psychologie unterworfen. Immer um in Ordnung zu sein, angepasst und akzeptabel. Aber du selbst konntest dich nicht akzeptieren. Du hast dich immer auf der schlechteren Seite eingeordnet und versucht, alles zu tun, um auf die sichere Seite zu kommen. Erst war es Himmel und Hölle, dann war es psychisch gesund und psychisch krank. Aber du solltest so leben, dass du weisst, dass du als Mensch in Ordnung bist, ohne dass du etwas dafür tun musst. Nur das Gefühl der Bedrohung, dass du schlecht bist und so weiter, ist dein Problem. Nicht deine Sexualität. Die gibt dir, was du brauchst. Versuch’ also, dich zu akzeptieren! Wieso willst du dich nach dem richten, was andere von dir denken, wenn es dir dadurch schlechter geht? Vor allem, wenn sie nicht einmal wissen, was in dir vorgeht? Die Sexualität ist dein Intimbereich. Davon musst du nicht allen erzählen. Deswegen weiss man ja so wenig über das, was normale Sexualität sein soll....“ I

Insgesamt aus Sicht des Rezensenten ein auch heute noch immer mutiges Buch, das schonungslos ehrlich Empfindungen, Zweifel, Selbsthass, Suche, Verzweiflung des Harald Bach und damit wohl des Autors aufblättert. Aber auch ein Buch, das Mut macht und den Rücken stärkt, wenn man sich auf die Hauptperson und den Autor einzulassen bereit ist. Und es ist durchaus keine Zumutung für Leser, die ohne innere Beziehung zu Glaubensfragen und Kirche leben.

Ich wünsche jedenfalls viele Denkanstösse und vielleicht einiges Wiedererkennen beim Lesen.

MiguelX

Die Umkehrung - Zwischen Sexualität, Gott und Psychologie

Jo Wagner Roman übder den Niedergang einer Verdrängung

1. Aufl. – Berlin: Frieling, 2000 - ISBN 3-8280-1106-3



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